Mindestens 25 Wohnungslose auf der Straße erfroren
BAG Wohnungslosenhilfe
fordert bedarfsgerechte Hilfeangebote
Bielefeld. Seit November 1996 sind mindestens 25 wohnungslose Männer
erfroren.
Sie erfroren auf Parkbänken, unter Brücken, in Hauseingängen und in scheinbar
sicheren Gartenlauben, Abrißhäusern und sonstigen Unterständen.
"Leider müssen wir davon ausgehen, daß noch weitere Wohnungslose die kalten
Tage nicht überlebt haben, denn der BAG werden auch nur die Fälle bekannt,
über die in der Lokalpresse berichtet wird", erklärte Heinrich Holtmannspötter,
Geschäftsführer der BAG Wohnungslosenhilfe in Bielefeld. "Wenn jemand
nach Nächten im Abbruchhaus mit einer akuten Erkrankung in ein Krankenhaus
eingeliefert wird und dort stirbt, taucht dieser Mensch als Kälteopfer
in keiner Übersicht auf."
Ungefähr ein Drittel, also überproportional viele Wohnungslose, sind in
den östlichen Bundesländern erfroren. Auffällig ist, daß die meisten Toten
in Klein- und Mittelstädten zu beklagen sind. Darüber hinaus kann festgestellt
werden, daß vor allem ältere Wohnungslose unter den Opfern sind - lediglich
vier der 25 Toten sind jünger als 40 Jahre.
Während in vielen Großstädten inzwischen bedarfsgerechtere Hilfeangebote
vorgehalten werden und somit die Versorgung im Rahmen der Winternotprogramme
besser geworden ist, ist das Hilfeangebot im ländlichen Raum, in Klein-
und Mittelstädten immer noch unzureichend. Oft wird überhaupt kein Hilfeangebot
vorgehalten oder der Aufenthalt im Obdachlosenasyl wird rechtswidrig befristet.
Viele Einrichtungen stellen ein Angebot zur Verfügung, das von den Betroffenen
nicht angenommen wird. Es ist den Kommunen bekannt, daß Betroffene sich
weigern, Massenquartiere aufzusuchen, weil sie Angst vor Diebstahl, Gewalt
und Schmutz haben. Wohnungslose bleiben in der Kälte, wenn sie ihren Hund
nicht mit unterbringen können. Es gibt zu wenig Unterbringungsmöglichkeiten
für Paare. Und immer mehr Wohnungslose sind nicht mehr bereit, gängelnde
und bevormundende Hausordnungen zu akzeptieren: Anstatt sich um 20.00
Uhr in einem Nachtasyl wegschließen zu lassen, entweder weil später niemand
mehr aufgenommen wird oder weil die Habe aus Sicherheitsgründen bewacht
werden muß, versuchen viele Wohnungslose ihr Leben auch unter widrigsten
Bedingungen noch so selbstbestimmt wie möglich zu organisieren. Die hohe
Zahl der Älteren unter den Kälteopfern ist auf ihren allgemein schlechten
Gesundheitszustand, als Folge eines Lebens "auf Platte" zurückzuführen.
Es zeigt sich aber auch, daß sich diese Menschen nach vielen negativen
Erfahrungen vom Hilfesystem abgekoppelt haben. "Wenn Asyle und Notunterbringungen
auch bei Minustemperaturen leerstehen, heißt das nicht, es gibt keinen
Bedarf", sagte Heinrich Holtmannspötter. "Es ist vielmehr ein Armutszeugnis.
Einrichtungsbetreiber und Kommunen müssen endlich das Recht der Wohnungslosen
auf Individualität und Selbstbestimmung akzeptieren."
Seit Jahren appelliert die BAG deshalb an die Kommunen, von Massenunterkünften
Abstand zu nehmen. Statt dessen sollten dezentrale Unterbringungsmöglichkeiten
für jeweils nur eine kleinere Zahl von Wohnungslosen geschaffen werden.
Wichtig ist, daß die Betroffenen ggf. als Gruppe untergebracht werden
können, daß sie auch ihre Hunde mitbringen können, daß sie keine Angst
vor Diebstahl und Gewalt haben brauchen. Benötigt werden Unterkünfte mit
Einzelzimmern, die ein Mindestmaß an Privatheit garantieren, in denen
sich die Betroffenen auch tagsüber aufhalten können und die ggf. auch
noch nachts aufgesucht werden können. Es muß ein Bleiberecht geben, d.h.
Schluß sein mit der rechtswidrigen Befristung des Aufenthaltes auf einen
oder wenige Tage pro Monat. Die Stadtverwaltungen sollten telefonische
Notrufe einrichten und die BürgerInnen dazu auffordern, diesem Notruf
sofort zu melden, wenn sie einen Wohnungslosen sehen, der in Gefahr ist,
Opfer der Kälte zu werden.
Bielefeld, den 5.2.1997
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